Es ist super spannend sein eigenes Leben zu beobachten. Wie es sich so entwickelt, ausformt, manchmal dahinschleicht, machmal von jetzt auf gleich ganz anders wird; wie es auf dir rumhopst, dich anstößt, niederstreckt, dich glücklich macht, zum Heulen bringt, dich in einsame Sackgassen treibt, wieder rausholt, dich ins Meer wirft, dir die Kraft und den Atem der Welt zeigt und dich dann sitzen und sitzen und nachdenken und nachdenken lässt in der Zeit dazwischen.
Manchmal kommen diese Veränderungen so plötzlich, so unerwartet, dass es schwierig ist, ernsthaft noch daran zu glauben: Dass ich selbst etwas mit dem Werden und Sein zu tun hätte – mit dem Werden und Sein dieses Lebens an sich. Dass Ich - außer als bloße Perceptionskörperheit, die von Kindesbeinen an im Buggy schwungvoll durchgeschoben wird – irgendwie eingebunden bin in diese wo auch immer herkommende Existenz.
Oh! – Natürlich bin ich eingebunden in den Strom des Seins: Ich konsumiere ja diese Welt! Die Welt lässt ihre Güter durch mich durchfließen. Durchströmt mich mit Wasser, Tomato al Gusto, O2 und Hämoglobin. Ich darf mir in Portugal Kieselsteine in die Taschen stecken und in Kasachstan ein Symbol damit in den Steppensand legen, das auf sumerisch “Leben” bedeutet. Ich kann (bald) im Transrapid oder via CNN an den Golf von Mexiko fahren und uns Menschheit live dabei beobachten, wie wir darum kämpfen, endlich dem uns selbst gegebenen Versprechen gerecht zu werden, sapiens sapiens zu sein.
Es gelingt nur teilweise. Es gelingt immer wieder einmal und manchmal dann doch nicht. Jeder Soldat mit einer Waffe in der Hand – jedes missbrauchte Messer – ist ein Beispiel dafür, dass in einigen maßgeblichen Bereichen unserer Gesellschaft von 2x sapiens keines zutrifft – ja dass sogar homo in Frage gestellt werden muss, weil bei der Gewaltanwendung (in Bezug auf das Resultat) die Fähigkeit zur Entwicklung und Anwendung von Werkzeugen nicht als qualitatives Unterscheidungsmerkmal eingestuft werden kann.
Vielleicht sind unsere Städte ja unsere Ameisenhügel. Bezogen auf das Verhältnis zwischen Körpergröße und gebautem Kulturraum ziehen wir in Bezug auf die Ameisen jedoch den Kürzeren. Vielleicht sind wir nur zu einem Teil wirklich eine kluge Spezies. Vielleicht ist ein großer Teil unserer Handlungen tieraffiner als wir es wahrhaben wollen. Vielleicht überdecken wir die Großzahl unserer tierischen Handlungen einfach mit Begriffen, die uns selbst darüber hinwegtäuschen sollen, dass wir möglicherweise nur mäßig begabt sind. Bezogen auf eine Werteskala, wo “mäßig begabt” schon bedeutet: sensitiv, innovativ, planerisch, kreativ, sozialfürsorgend und gestaltungsfähig.
Aber ist das schlimm? Können wir etwas dafür? Haben wir einen Einfluss darauf, dass in der Pupertät Körper und Geist – quasi von selbst – damit anfangen, ganz neue Ideale, ganz neue Präferenzen auszubilden? Dass wir – 85jährig – ganz anders auf Dinge schauen, als noch 40 Jahre zuvor? Dass wir nicht von Geburt an alle Sprachen sprechen und alles Wissen wissen? Dass wir deshalb nur mühsam und Schritt für Schritt in jedem Leben alles neu lernen und neu erkunden müssen?
Über die Zeit ändern sich alle vorhandenen Bezüge unendlich oft. Gestern noch waren Westdeutschland und Ostdeutschland. Heute kämpft die Mehrheit dafür, dieses manchmal schwierige und manchmal superschöne Beziehungsgefüge zu koordinieren.
Gestern stand Sumer gegen Akkad, Athen gegen Sparta. Heute sprechen wir bewundernd von Mesopotamien und Griechenland.
Iran, USA, China, Israel, Jordanien, Frankreich, Deutschland, Ghana, Indien, Lybien, Japan, Korea – nichts wird bleiben wie es ist. Kurzfristig ist vieles problematisch und festgefahren. Langfristig formt die Unendlichkeit aus den bestenden Dingen Neues und wir formen dadurch, dass wir Kieselsteine von A nach B tragen – manchmal bewusst, oft auch unbewusst – daran mit.
Manchmal informativ-aufnehmend im Buggy. Manchmal aktiv durch gemeinsames Sandburgbauen.