Die demokratische Perspektive

Die Demokratie ist eine wunderbare Staatsform. Demokratie ist aber nicht automatisch leicht und einfach. In der Demokratie ist grundsätzlich das Recht verankert, die eigenen Gedanken auszusprechen oder zu publizieren. Demokratie bedeutet aber nicht, dass beliebige Verhaltensweisen und Handlungen immer und überall möglich sind.

Moderne Demokratie bewegt sich vom Recht her sehr stark in einem Raum, den Kant als Balancegleichnis formuliert hat: Dass nämlich die eigene Freiheit sich nicht gegen die Freiheit der anderen richten darf. Der sich daraus für das Individuum ergebende Bewegungsspielraum lässt sich nicht durch einfache Handlungsanweisungen definieren.

Wann genau Handlungen gegen die Freiheit des anderen verstoßen muss im Einzelfall geprüft werden. Genau deshalb ist Demokratie auch kompliziert. Demokratie erfordert Selbstreflektion und Handlungsbewusstsein. Die Fähigkeit dazu muss gelernt und geübt werden. Demokratie ist kein Selbstläufer und keine formale Festlegung.

Demokratie muss permanent überprüft und neu ausgerichtet werden, damit die Balance zwischen der Gewährleistung der eigenen Freiheit und der der anderen auch lebensweltlich dauerhaft erreicht werden kann. – Eine demokratische Gesellschaft zum Beispiel in der auf Basis von  andauernden lebensweltlichen Üblichkeiten die Freiheitsbalance durch andere Regelungsmechanismen ersetzt wird, verliert über die Zeit ihre demokratische Identität. Demokratie ist keine Zuschreibung, sondern eine gesellschaftliche und lebensweltbasierte soziale Organisationsform.

Wenn die Meinung geäußert wird, dass der zunehmenden geringen Wahlbeteiligung eine Wahlpflicht – inklusive Sanktionierungsmaßnahmen – entgegengesetzt werden muss, dann lässt sich in der Folge der hier vorgestellten Argumentation sagen, dass eine Wahlpflicht nur jene Tendenzen verstärken würde, die eine andere soziale Regulierungsform als die demokratische bevorzugen.

In sozialen Kleinräumen wie Unternehmen, Familien und Kommunen sind demokratische Prinzipien nicht vorgeschrieben und oft auch nicht üblich. Oftmals auf Hierarchie aufgebaute arbeitsteilige Prozesse bestimmen – historisch tradiert – den Alltag. Für diese Kleinräume scheint es vielleicht unwichtig zu sein, welche äußere gesellschaftliche Form der sozialen Organisation vorliegt. Den Unterschied erkennt man oft erst, wenn die Verschiebung schon eingetreten ist.

Die Wichtigkeit der demokratischen Rahmung der Gesellschaft wird vielleicht oftmals unterschätzt. Diese Rahmung bildet jedoch den Rahmen für unglaublich viele und differenzierte freie persönliche Entscheidungen. Sie ermöglicht die parallel existierende  Vielfalt von teilweise sehr konträren konkreten sozialen Ausformungen.

Welchen Kindergarten soll mein Kind besuchen? Welche Kenntnisse möchte ich mir ohne Hindernisse und Kontrolle aneignen? Welche Produkte möchte ich als Unternehmen entwickeln? In welches Land möchte ich reisen – welche Kultur möchte ich kennenlernen? Für welche Existenzform entscheide ich mich? Möchte ich bio- und landorientiert sein oder technologie- und stadtorientiert? Vielleicht eine Mischung von beidem? Welche Zeitung möchte ich lesen, für welche Zeitung möchte ich schreiben? In welcher Zukunft möchte ich leben? Wie soll sich mein Dorf entwickeln? Möchte ich – im Raum der Freiheitsgewährung – politisch eher links oder eher rechts stehen?

Die demokratische Perspektive, die aus der Balance heraus entsteht, ist oft nicht die einfachste. Ganz im Gegenteil. Sie erfordert oftmals wesentlich mehr Energie und mehr Verantwortung. Sie erfordert individuellen Einsatz und bedankt sich mit Zukunftsfähigkeit.

Persönliche Notiz:

Nummerziehen im Warteraum von Arbeitsagenturen und verriegelte Fenster in DB-Zügen sind freiheits-kontraproduktiv und motivationslähmend.

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