Ich lebe mein ganz eigenes Leben

Vorhin, in einem Gespräch, sagte ich kurz: “Wir würden die Welt in 200 Jahren nicht wieder erkennen”. Ein “Ja” und ein Kopfnicken waren die Antwort.

Unsere Welt ist ebenso durch sich, so wie wir durch uns sind. Oft sind historische Berichte für uns wie eine Vergangenheit, die mit uns nur wenig zu tun hat. Doch selbst unser eigenes Leben ist nicht durchgehend konsistent.

Viele begriffliche Ausflüchte helfen uns dabei zu verschleiern, dass wir die Veränderung der Welt live miterleben. Wir koppeln Veränderung oft zu unrecht an Alterungsprozesse und sagen: “Mit 40 ist das normal”, anstatt zu sagen: “Wow, beschreib uns doch mal diese Epoche, die haben wir gar nicht miterlebt!”

So, als wäre die Kultur, die Technologie und unsere Interpretation immer die gleiche und Veränderungen ließen sich allein damit begründen, dass wir älter werden.

Jede Generation hält in ihrem Leben mehrere Epochen für die jeweils eigentliche. Wenn man jugendlich ist, dann sind oft alle geteilten Werte und Vorstellungen richtig. Wenn man ins Berufsleben eintritt, denken viele dann: Warum habe ich damals so anders gedacht?, anstatt zu fragen: Welche Epoche habe ich zu dieser Zeit eigentlich miterlebt?

Zwischen Epoche oder “Trendzeitraum” und  dem eigenen Ich-Erleben fehlt vielleicht manchmal die wahrnehmungsrelevante Trennschärfe. Reife- und Alterungsprozesse werden mit technologischen Entwicklungen verkoppelt oder mit trendhaften Wichtigkeiten. Dabei geht manchmal der Blick für übergreifende Zusammenhänge verloren und Identitäten reduzieren sich in vielen Fällen selbst darauf, möglichst nah am aktuellen Trend zu sein – ohne Rücksicht auf eigene Bedürfnisse.

Diese Anstrengung führt oft dazu – das lässt sich beobachten – dass oftmals die eigenen Vorstellungen – darüber was das Leben sein sollte – aufgegeben werden. Die ständige – vielleicht anthropologisch in uns festgeschriebene – technologische Fortentwicklung wird zu einem Wertmaßstab für die Bedeutung des eigenes Lebens: Was also bin ich in Bezug auf diese Technologie oder in Bezug auf diesen Trend eigentlich wert? Was habe ich dazu beigetragen?

Permanente Adaptierungen von öffentlich als erfolgreich gekennzeichneten  Kommunikationsmodellen sind die Folge. Adaptionen also, die nicht aus der gemeinsamen Interkonnektivität heraus entstehen, sondern daraus, dass wir der Meinung sind, dass wir selbst nur im Schein des jeweils aktuellen Trends bedeutsam seien.

Dies ist jedoch nicht der Fall. Wenn man davon ausgeht, dass ein jedes Ich nur jeweils ein Ich sein kann, dass also der bewusste Erfahrungsschatz eines Menschenlebens nicht beliebig auf weitere eigene Identitäten übertragen werden kann, dann kann es schon auch darum gehen, sich Werten und Vorstellungen zu öffnen, die zu einem Teil von Trends und temporären Wichtigkeiten unabhängig sind. Nicht, weil es nun an der Zeit ist, den eigenen Trend aufzubauen, in dessen Schein andere Bedeutsamkeit erlangen sollen, sondern weil es wichtig ist, sich bewusst und neugierig dem eigenen Leben zu öffnen.

Wie also sehe ich diese Welt? Was ist mir wichtig in dieser Welt? Wohin bewege ich mich in dieser Welt? Welche Orte auf diesem Planeten suche ich auf? Welchen Menschen und Ideen möchte ich gern begegnen?

Medial zentrierte Inhalte sind in diesem Zusammenhang nur ein Ausschnitt. (Und selbst bei Twitter versuche ich mich in das Zentrum der jeweils aktuellen Wichtigkeit zu stellen.) Warum aber entwickle ich nicht eigene Produkte und erkunde, ob jemand sich dafür interessiert? Warum öffne ich mich nicht einfach diesem – meinem – Leben mit all den Fähigkeiten und Talenten, die ich habe?

Das sind vielleicht Fragen, denen wir uns künftig stellen müssen. Und wenn uns dann in zwanzig Jahren jemand (im Zuge des dann neuen Trends) vorwirft: wir hätten ja keine eigenen Ideen, dann gibt es noch immer diese schöne Antwort: Ich lebe mein ganz eigenes Leben.

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