Eine philosophische Betrachtung
Seit wann gibt es wohl diese professionalisierte Ideenwelt, in der alle Bereiche des Lebens auf die Produktion von Ideen ausgerichtet sind? War das schon so, als Menschen noch Faustkeile behauen haben um Speerspitzen herzustellen oder ist dieses zugespitzte Verhalten erst ein Ergebnis der letzten 200 – vielleicht 1000 Jahre?
Ich schreibe diese Zeilen auf einem Apple Computer. Die Firma Apple hat eine Vielzahl an Patentrechten auf dieses Produkt. In unserer Zeit ist das üblich und Teil der gängigen sozialen Vereinbarungen, die über das Recht zu einer allgemeingültigen Handlungsanweisung werden.
Dies ist eine gegenwärtige, vielleicht temporäre, Ausprägung von Gesellschaft. Da letztlich jedes Recht Bedingungen für das soziale Miteinander vorgibt, wird sich von heute auf morgen an solch einem Zustand nichts verändern. Erst mit der Veränderung von sozialen Prozessen über einen längeren Zeitraum verändern sich auch die Üblichkeiten des sozialen Austauschs, die im Recht dann wieder ihre formale Spiegelung finden.
Es ist klar und offensichtlich, das nicht Apple allein Createur dieses Macbooks sein kann. Apple besitzt lediglich geschützte Rechte an einem kleinen Teil der zum Einsatz kommenden Technologien, während das Unternehmen sich gleichzeitig frei und unentgeltlich aus einem riesigen Fundus von anderen Ideen bedient, die nicht mehr rechtlich geschützt sind.
Es geht hierbei gar nicht unbedingt immer um gerade abgelaufene Patente, sondern vielleicht ganz einfach um die Übernahme von Kulturtechniken in industrielle Produkte wie zum Beispiel die Übernahme des Alphabets oder des Wissens um die Herstellung von Glas und Metallen.
Die kreativen Hinzufügungen von Apple, die das Macbook erst zum Macbook machen sind Ergebnis von Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten und insofern auch – für einen gewissen Zeitraum – schützenswert.
Wenn der Urheberrechtschutz allerdings dazu führt, dass Einzelpersonen auf Basis - oder in: Auslegung – bestehenden Rechts bei Bagatellvergehen kriminalisiert werden, dann wird es zu einer sozialphilosophischen Grundfrage, wie und ob solche “Vergehen” geandet werden sollen. Denn: Wie ist unsere Gesellschaft angelegt? Als eine Gesellschaft in der Menschen eine Grundbildung genießen um sie in die Lage zu versetzen, an gesellschaftlichen Entwicklungen aufgeklärt zu partizipieren oder als eine Gesellschaft, in der Informationskonsumption nur beschränkt und erst nach offizieller Zulassung möglich ist?
Das Kopieren und Vervielfältigen von Buchtexten ohne Erlaubnis ist verboten. Nicht aber die Weitergabe der materiellen Sache Buch an sich. Da im Rahmen der Anwendung der digitalen Technologie die Weitergabe der Sache an sich aber nicht möglich ist, ergibt sich hier ein rechtsfreier Raum.
Diese Entwicklung, die zu einem Teil auf undefinierte und ungelernte soziale Zusammenhänge referiert, berührt in nicht unerheblichem Maße die Grundbedingungen unserer Rechtsordnung. Es kann im Sinne einer positiv orientierten Gemeinwesengestaltung nicht darauf ankommen, den oder die Einzelne in Bezug auf einen rechtlichen Grauraum (z.B. die Frage der digitalen Informationsweitergabe) negativ (vor) zu verurteilen. Vielmehr geht es doch darum, neue technologische Entwicklungen aktiv sozialweltlich zu diskutieren, zu integrieren und zu gestalten, anstatt darum, über vorhandene Messgrößen Entwicklungen zu bewerten, die ganz neue Bewertungsmaßstäbe und Messinstrumente erfordern.
NACHTRAG:
Dass neue kreative Technologien nicht automatisch eine gänzlich neue Wissensaneignung erfordern ist in diesem Zusammenhang ein erwähnenswerter Umstand. Immer auch transzendieren neue Technologien bestehende Inhalte. Zum Teil verändern sie dabei (das ist menschlich) auch bestehende Wertmaßstäbe.
Damit komme ich wieder zu Apple. Während das Unternehmen einerseits technologisch neue Maßstäbe setzt, versucht es gleichzeitig durch die Zugangs-Kontrolle zu seinem App-Store eigene ideologische Werte zu verbreiten.
Dies geschieht zum Beispiel dadurch, dass natürliche menschliche Nacktheit in jedem Fall tabuisiert wird und der Zensur unterliegt (mir geht es hier nicht um Formen brutaler Pornografie). Gleichzeitig scheinen spannenderweise brutalste Horrorfilme und detaillierteste Menschtötungen in Filmen im iTunes-Store bei niemandem @Apple Anstoß zu erregen.
Während also Technologie als solche durch uns Menschen entsteht, projizieren wir immer wieder unsere gegenwärtigen Vorstellungen auf sie und setzen sie heute entsprechend unserer eigenen Gedankenbilder ein, während wir morgen Produkte entwickeln, in denen tradierte Technologie mit neuen Ideen und dann neuen Gedankenbildern gespeist wird.